Witold Lutoslawski

Komponist

Geboren am 25. Januar 1913 in Warschau, Polen
Gestorben am 7. Februar 1994 in Warschau, Polen

Witold Lutoslawski ist am 25. Januar 1913 in Warschau geboren. Im Alter von 6 Jahren verlor er seinen Vater: Dieser wurde 1919 in den irren des russischen Bürgerkrieges von der Roten Armee als "Konterrevolutionär" hingerichtet. Lutoslawski studierte schon als Kind Klavier, dann bald auch Geige und schrieb mit 9 Jahren seine erste Komposition. Später studierte er am Warschauer Musikkonservatorium Komposition bei W. Maliszewski. Danach - bis zu seinem Tode - lebte er als freischaffender Komponist in Warschau. 1937 wurde er zur polnischen Armee einberufen. 1939 geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft. Es gelang ihm zu fliehen und so lebte er bis zum Einmarsch der Sowjets nach Warschau (1944) "untergetaucht", und verdiente sein Lebensunterhalt als Klavierspieler in Kaffeehäusern. Nach dem Krieg lebte er zunächst vom Komponieren von Filmmusik und pädagogischen Werken, doch bald wurde er bekannt durch seine eigentlichen Kompositionen: 1949 wurde in Warschau seine Erste Symphonie aufgeführt. Dieses Werk brachte ihm Anerkennung, und bald wurde er für den bedeutendsten polnischen Komponisten seit Szymanowski gehalten. Gleichzeitig begannen seine Schwierigkeiten mit dem kommunistischen Regime, da gemäß der Normen des "sozialistischen Realismus" (Schdanow) seine Musik als "formalistisch" und "volksfeindlich" galt. Wegen seinem Renommee konnte seine Musik nicht vorweg verboten werden, jedes seiner Stücke wurde je einmal aufgeführt, dann aber verurteilt, so dass es zu Zweit-Aufführungen nicht kam. Sein Hauptwerk dieser ersten Periode war das Konzert für Orchester (1954), und dies war das erste Stück, das dann im relativen Tauwetter unter Gomulka (ab 1956) wieder aufgeführt werden konnte, im Jahr 1959. Damals war Lutoslawski bereits bekannt im westlichen Ausland und hoch verehrt, durch Aufführungen in Paris, in der Schweiz und der Bundesrepublik Deutschland, bald dann auch in England. Dies gab ihm ein Rückhalt gegenüber den Ostblock-Behörden. So gelang es ihm, 1956 in Warschau das Festival "Warschauer Herbst" zu gründen (zusammen mit seinen jüngeren Komponistenkollegen Tadeusz Baird und Kazimierz Serocki). Trotz des ständigen Disputs mit der Kulturbehörde, blieben die Programme dieses Festivals von der Zensur verschont. Gespielt wurden polnische Stücke, Kompositionen aus der Sowjetunion und den übrigen Ostblockländern und ebenso die westeuropäische und amerikanische Avantgarde. Das Festival wurde durch alle Jahre hindurch (bis heute) als eine relativ unabhängige und relativ kompromisslose Institution aufrecht erhalten. Es diente vornehmlich als "Informationskanal" über die westlichen musikalischen Entwicklungen der 60er, 70er und 80er Jahre.

Gerade durch den "'Warschauer Herbst" hat sich dann Lutoslawskis Kompositionsstil auch gewaltig verändert im Laufe der späten 50er und der 60er Jahre. Er ließ sich freimütig beeinflussen von der westlichen Avantgarde (vor allem von Boulez und Cage), doch fern von jedem Epigonentum. Vielmehr gelang es ihm, eine eigene Technik, den "aleatorischen Kontrapunkt" zu entwickeln. Boulez und Cage dienten in diesem Stilwechsel nur als geistige Katalysatoren. Der "aleatorische Kontrapunkt" bedeutet folgendes: Es gibt relativ unabhängige Einzelstimmen, mit fixierten Tonhöhen, aber freigelassenem rhythmischem Verlauf. Diese Einzelstimmen werden in Knäueln zusammengefasst, wobei die Gesamtheit der harmonischen Konfigurationen vom Komponisten kontrolliert wird, doch die Einzelheiten chaotisch bleiben. Als Bild kann ein Bienenschwarm dienen: Als Ganzes wird der Bienenschwarm vom Winde in eine bestimmte Richtung getragen, doch innerhalb des Schwarms summen und bewegen sich die Bienen individuell und ungeordnet.

Die hier beschriebene "aleatorische Polyphonie" wurde dann im Laufe der 60er Jahre von Lutoslawski immer mehr verfeinert und für die verschiedenartigsten musikalischen Formen als Bausteine verwendet. Zum ersten Male erscheint diese Technik bei Lutoslawski im Orchesterstück "Jeux Vénitiens" (1961). Die Initialzündung stammt von John Cages Klavierkonzert, das aber "ungehemmt aleatorisch", also in dem Zusammenklang dem Zufall überlassen ist. Lutoslawski hat dann den Cage-schen Chaos gebändigt: "Jeux Vénetiens" beinhaltet Stimmkomplexe, die gemäßigt chaotisch sind.

Lutoslawskis Musiksprache wurzelt zum Teil in der polnischen Tradition (Szymanowski) zum anderen Teil in der französischen (vor allem Debussy, doch auch Ravel). Doch ist Lutoslawski kein Impressionist, er hat auch eine sehr kräftige, bruitistische Seite, die auf Varèse zurückgeht.

Lutoslawskis Charakter als Mensch und Komponist ist gekennzeichnet von Geradlinigkeit, Noblesse und Eleganz. Er ist - im Alltagsleben und in seiner Musik - stets etwas zurückhaltend, kontrolliert. Sein Benehmen glich eines sehr vornehmen, aber stets dezidierten Diplomaten. Er hat keine Kompromisse gemacht: das zeigte sich in seiner tapferen Haltung sowohl den Nazis als auch den Kommunisten gegenüber. Während Jaruzelskis Ausnahmezustand (ab 1981) zog er sich vor der polnischen Öffentlichkeit zurück. Er widersetze sich stets den Verlockungen des Regime, ging nicht zu Empfängen, akzeptierte keine Preise. Im Erpressungssystem des Kommunismus blieb er auf Distanz, und blieb bis zuletzt vollkommen rein.

Aufnahme in den Orden 1993.